Großes Glück mit kleiner Kugel

Der 1. Boccia-Club Offenburg ist einer der traditionsreichsten Vereine der Stadt Offenburg. Seit 1929 hat er ununterbrochen eine große Mitgliederzahl, die sich für das Spiel mit den großen Kugeln begeistert…

Am Mühlbach blüht ein reges Vereinsleben. Eine Menge vom südlichen Flair dieser Freiluftsportart ist erhalten geblieben. Keiner bleibt lange allein, das Spiel muss mindestens zwei Teilnehmer haben. Es geht darum, mit der großen Kugel so nahe wie möglich an das kleine weiße Bällchen heranzukommen. Manchmal werden die Abstände nachgemessen, da ist man genau. „Man muss ein Spiel lesen können“, erklärt Andreas Ruch, zweiter Vorsitzender. Bedeutet, „die Kugeln so zu platzieren, dass der Gegner keine Chance hat“.

Brunhilde Decke stimmt ihm zu, sie ist Vorstandsfrau des Clubs mit derzeit 134 Mitgliedern. „Gefühl und Berechnung“ sind wichtig, lacht sie. Sie kann es sichtlich, die Brunhilde, wie sie allerorten liebevoll genannt wird, sie ist immerhin schon seit 27 Jahren Mitglied. Die Kommentatoren am Spielfeldrand rufen ihr aufmunternde Worte zu. Das Spiel ist etwas anders geworden, die dicken Kugeln aus Italia müssen sich wohl erst an den neuen Sandplatz in Offenburg gewöhnen. Diese zweite Boccia-Bahn ist in Eigenarbeit von den Clubmitgliedern restauriert worden. In der überdachten Spielfläche kann man ganzjährig „botschen“.

Untergrund ist Mutterboden mit Sand. Stampfen, Walzen und Wässern, bis die Bahn glatt wie Samt geworden ist, war Sache. Die feine Sandschicht obenauf muss nun täglich mit einer Kokosmatte gepflegt werden. Die Offenburger Botscher sind allesamt Experten, es gibt hier Leute, die schon ein halbes Jahrhundert dabei sind. Ihr Können verblüfft die Jungen des Öfteren. Boccia ist ein Spiel für alle Generationen, versichern ihnen die Älteren kollegial. „Du musst über Bande gehen“, ruft einer. Am runden Tisch verweilt sich mancher am Brettspiel, andere tragen Gläser ab, holen Nachschub aus dem picobello eingerichteten Vereinsheim, die Kinder spielen an der Rutsche. Die Anlage lebt, hier steht man füreinander ein. Nur bei Turnieren herrscht eine gewisse Konkurrenz. Der Boccia-Club trägt sowohl interne als auch offene Turniere aus. Zum benachbarten Burda-Boccia unterhält man freundschaftliche Kontakte. Was fehlt noch zum kleinen Glück mit den großen Kugeln? Stammtisch, Clubabende mit Ehrungen sind immer im Programm.

„Könnten unsere älteren Mitglieder nicht ab 18:00 Uhr neben der Freibadbaustelle parken?“ Das will man bei der Stadtverwaltung erbitten, so die Vorstände. Gegen späten Nachmittag füllt sich das Club-Gelände, vom Mühlbach weht ein laues Lüftchen, der Wassersprenger rieselt über die blühenden Sträucher. Eine ruhige Kugel zu schieben, ein Bierchen genießen, miteinander zu reden, zu lachen, das hat was. Fast ein Jahrhundert lebt italienisches Lebensgefühl mitten im badischen Offenburg.

(Quelle: Badische Zeitung)